{"id":4637,"date":"2019-07-25T11:43:07","date_gmt":"2019-07-25T09:43:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freiefarbe.de\/?page_id=4637"},"modified":"2019-07-25T11:43:07","modified_gmt":"2019-07-25T09:43:07","slug":"kobbert","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/thema-farbe\/colour-people\/kobbert\/","title":{"rendered":"Prof. Max Kobbert, Psychologist of Perception"},"content":{"rendered":"[:de]\n<h2 id=\"colour-people-interview\">Colour People Interview<\/h2>\n<h1 id=\"mich-interessieren-die-grossen-fragen\">\u201cMich interessieren die gro\u00dfen Fragen.\u201d<\/h1>\n<p id=\"cp-einleitung\">\n<figure style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"alignright\" src=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Kobbert.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Max Kobbert<\/figcaption><\/figure>\n<p>Professor Max Kobbert ist Psychologe und lehrte \u00fcber viele Jahre, bis zu seiner Pensionierung 2009, an der Kunstakademie M\u00fcnster die F\u00e4cher Kunstdidaktik und Psychologie, insbesondere Wahrnehmungspsychologie.<\/p>\n<p>In der \u00d6ffentlichkeit bekannter ist sein zweites T\u00e4tigkeitsfeld als Spieleautor. \u201cColomino\u201d und \u201cBunte Kuh\u201d stammen von ihm, am bekanntesten und erfolgreichsten ist \u201cDas verr\u00fcckte Labyrinth\u201d, das sich in zahlreichen Varianten millionenfach in \u00fcber 80 L\u00e4nder verkauft hat.<\/p>\n<p>Ein freundlicher \u00e4lterer Herr empf\u00e4ngt den Besucher in der gem\u00fctlichen Atmosph\u00e4re seines Wohnzimmers, das viele Versatzst\u00fccke der Themen enth\u00e4lt, die wir besprechen. Viele Belege und Beispiele f\u00fcr Kobberts Aussagen finden sich auf der Fensterbank, in der Vitrine mit den Mineralien, Bernsteinen und Meteoriten, sowie als Bilder an der Wand.<\/p>\n<p><b>Achtung \u2013 Lesestrecke!<\/b><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"#prozrealit\u00e4t\">Wie viel Prozent der Realit\u00e4t in unseren K\u00f6pfen ist tats\u00e4chliche Realit\u00e4t?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#farbillusion\">Sind Farben nur eine Illusion?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#unmrealit\u00e4t\">Die unmittelbare Realit\u00e4t und die der indirekten Erfahrungen<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#wiesehenbienen\">Wie sehen Bienen Farben?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#20millionenjahrealt\">Unser Farbensehen ist 20 Millionen Jahre alt<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#meinundihrrot\">Ist mein Rot das gleiche wie Ihr Rot?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#inzukunftuv\">Sehen wir in Zukunft UV-Licht?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#inzukunftabstumpfen\">Die Zukunft der Farbe: stumpft unsere Farbwahrnehmung ab, oder lernen wir die Zwischent\u00f6ne zu sch\u00e4tzen?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#lieblingsfarbe\">Was ist Ihre Lieblingsfarbe, Herr Kobbert?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#ncs\">Hat das NCS-System zu viel Gr\u00fcn?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#cielab\">Hat das CIELAB-Modell zu wenig Gelb?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#zukunftfarbsystem\">Was w\u00e4re ein besseres Farbsystem?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#selbst\">Wie sehen Sie sich selbst, Herr Kobbert?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#grossefragen\">Bewusstsein, Hirnforschung, Quantenphysik &#8211; die gro\u00dfen Themen der Farbe<\/a><\/li>\n<li><a href=\"#freiefarbe\">Freie Farbe, was halten Sie davon?<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Gespr\u00e4ch dauert f\u00fcnf Stunden. Weite Bereiche werden im nachstehenden Text weg gelassen, bei den verbliebenen w\u00e4re es unangemessen, die Gedanken und Ideen stark zu k\u00fcrzen. Es geht gleich los mit der Kernfrage der Wahrnehmungspsychologie:<\/p>\n<h2 id=\"cp-interview\"><span id=\"fragen-an-max-kobbert\">Fragen an Max Kobbert<\/span><\/h2>\n<p><a name=\"prozrealit\u00e4t\"><\/a><strong><\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><\/a>Herr Professor Kobbert, wie viel Prozent der Realit\u00e4t, die wir wahrnehmen, oder dessen, was wir f\u00fcr die Realit\u00e4t halten, ist tats\u00e4chlich Realit\u00e4t? <\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich ganz krass antworten sollte, w\u00fcrde ich sagen: fast nichts. Weil das, was wir als Realit\u00e4t wahrnehmen, unsere eigene Realit\u00e4t ist, die mit dem, was Sie jetzt wahrscheinlich meinen, der physikalischen Realit\u00e4t, zwar in Beziehung steht, aber nie in irgendeiner Weise damit identisch sein wird. Wenn es sehr weit reicht, dann sind es bestimmte Beziehungen und Relationen, vielleicht Strukturen zwischen bestimmten Gr\u00f6\u00dfen, die eine gewisse \u00c4hnlichkeit, eine \u00c4quivalenz aufweisen. Damit hat sich die Psychophysik lange Zeit besch\u00e4ftigt, aber dar\u00fcber hinaus geht es nicht. Es geht zum Beispiel nicht in das hinein, was wir als unser Erleben im Wesentlichen beschreiben w\u00fcrden, n\u00e4mlich ein Insgesamt von Qualit\u00e4ten, was sich besonders im Bereich der Farben zeigt.<\/p>\n<p>Farben sind f\u00fcr mich immer der Inbegriff dessen, was in uns passiert. Dieses Rot, dieses Gr\u00fcn wenn ich hier aus dem Fenster schaue, dieses wunderbar beruhigende Gr\u00fcn, dieses leuchtende Rot, das signalartig hervorsticht, dazu findet man in der Physik keinerlei Entsprechung. Die Wellenl\u00e4nge als solche sagt gar nichts aus. Sie enth\u00e4lt keine Art von Qualit\u00e4t, es ist ein beliebiger Punkt im Gesamt der elektromagnetischen Wellen, von denen wir den allergr\u00f6\u00dften Teil \u00fcberhaupt nicht wahrnehmen.<\/p>\n<p>Ich habe einmal ausgerechnet: physikalisch gesehen gibt es ungef\u00e4hr 80 Oktaven als jeweilige Doppelung von Wellenl\u00e4ngen, und von diesen<!-- diesen --> 80 Oktaven, die es real gibt, ist es noch nicht mal eine Oktave, die ihre Entsprechung in unserem Erleben findet. Unser Erleben wiederum nimmt das nicht wahr als eine Art linearen Ausschnitt aus dieser linearen Kette von Informationen, sondern biegt das auch noch zum Kreis zusammen, \u00fcber das Purpur zum Violett und Rot, und bildet einen Farbenkreis oder ein zirkul\u00e4res Gebilde, das es physikalisch auch gar nicht gibt.<\/p>\n<p>Also, es ist eine ganz eigene Wirklichkeit, die zwar mit der physikalischen in Verbindung steht, sonst k\u00f6nnten wir wahrscheinlich nicht \u00fcberleben. Aber es ist eine Wirklichkeit, die so beschaffen ist, dass wir in der Welt interagieren k\u00f6nnen, \u00fcberleben k\u00f6nnen. F\u00fcr den Zeitraum unseres Lebens kommen wir damit klar, k\u00f6nnen Kinder kriegen, uns fortpflanzen, all das ja, aber es ist keine verl\u00e4ssliche direkte Aussage \u00fcber diese physikalische Welt au\u00dferhalb unserer Selbst m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Da haben wir Messinstrumente, die angepasst sind auf das, was die Physik anbietet. Wir messen Wellenl\u00e4ngen und elektrische Spannungen und was alles m\u00f6glich ist. Unsere erlebte Welt ist eine ganz eigene Welt, die aber ihren Wert in sich hat.<\/p>\n<p><a name=\"farbillusion\"><\/a>Viele neigen heutzutage dazu zu sagen, das ist doch dann alles Illusion. Sogar auf Farben wird das angewendet: Farben seien Illusionen, sie spiegeln uns etwas vor, was so gar nicht der Realit\u00e4t entspricht. Aber das verkennt, dass die erste Realit\u00e4t, die wir erfahren, die unsere Erlebniswelt ausmacht, unsere ph\u00e4nomenale Wirklichkeit ist. Die Farben, so wie wir sie erleben, sind unsere prim\u00e4re Wirklichkeit, das k\u00f6nnen wir nicht als Illusion abtun.<\/p>\n<p>Es ist unser unmittelbarer Zugang zu unserer Welt, die in unserem Kopf entsteht. Dass wir sie nach au\u00dfen projizieren, wie es fr\u00fcher behauptet wurde, ist auch eine falsche Auffassung. Wir nehmen uns ja selber wahr als innerhalb der Welt.<\/p>\n<p>Das ist ein Paradox. Es ist sehr schwer jemandem klarzumachen, dass wir nicht das Empfinden haben, dass die Welt im Kopf passiert oder entsteht, sondern wir haben das Gef\u00fchl: wir sitzen hier, um uns herum ist eine Welt, die freie Natur, Sie sitzen mir gegen\u00fcber, ich h\u00f6re mich selbst sprechen, ich f\u00fchle meine H\u00e4nde und so weiter&#8230;<\/p>\n<p>Man muss sich aber klar machen, dass alles in uns selbst passiert. Nicht nur die Au\u00dfenwelt, sondern auch wir selbst haben unseren Ort innerhalb des Gehirns. Beides ist repr\u00e4sentiert im Gehirn. Die ganzen Relationen zwischen der Umwelt und uns finden ihre Entsprechung in dem, was das Gehirn macht. Wir nehmen uns selber wahr, das f\u00e4ngt schon in der vorgeburtlichen Phase an, und genauso parallel empfangen wir Signale, die der Au\u00dfenwelt entstammen. Unser Gehirn macht daraus eine Gesamtwelt, innerhalb derer wir uns im Zentrum befinden. Das ist das unmittelbare Erleben. Diese ph\u00e4nomenale Wirklichkeit mit ihren Farben, mit ihrem Formen, mit ihren Gr\u00f6\u00dfen, mit ihren ganz emotionalen Qualit\u00e4ten \u2013 es gibt keine Wahrnehmung ohne emotionale Qualit\u00e4t \u2013 das wirkt sich nat\u00fcrlich auch auf die Welt der Farben aus, aber es betrifft jeden Gegenstand.<\/p>\n<p><a name=\"unmrealit\u00e4t\"><\/a>Wir nehmen zu jedem Gegenstand Stellung in irgendeiner Weise. Wenn wir einen Stuhl sehen, dann ist das etwas, worauf man sich setzen kann, und es geh\u00f6rt zur Qualit\u00e4t des Stuhls dazu, dass es etwas Be-sitz-bares ist. Es ist nicht nur Form, und es ist nicht nur die Farbe, sondern es ist auch die Funktion, dies alles spielt sich in unserem Erleben mit ab. Dass man darauf sitzen kann, w\u00e4re sehr umst\u00e4ndlich, auch physikalisch erfassen zu wollen. Es ist eine Gesamtqualit\u00e4t, in der sich ein Stuhl darstellt.<\/p>\n<p>Also: die Welt, die wir erleben, das ist die prim\u00e4re, die wir erfahren. Dar\u00fcber hinaus gibt es die Wirklichkeit, von der wir wissen aufgrund von indirekten Erfahrungen. Die unmittelbare Erfahrung der Welt ist zum Beispiel: Die Welt ist eine Scheibe. Wenn Sie hier im Norddeutschen Flachland ringsherum gucken, da h\u00f6rt die Welt irgendwo am Horizont auf, und unser prim\u00e4res Erleben ist: die Welt ist eine Scheibe.<\/p>\n<p>Bis ich auf die Idee komme, die Welt k\u00f6nnte eine Kugel sein, muss ich sehr indirekte Beobachtungen machen. Zum Beispiel, wie es schon in der Antike gemacht worden ist, beobachten: das Segelschiff verschwindet in der Ferne allm\u00e4hlich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Auf diese Weise kam man \u00fcberhaupt darauf, m\u00f6glicherweise ist das Ganze gekr\u00fcmmt, aber die unmittelbare Erfahrung war: die Welt ist eine Scheibe.<\/p>\n<p>Jetzt haben wir zwei Wirklichkeiten: die unmittelbar erlebte, zu der auch die Farbqualit\u00e4ten geh\u00f6ren, und die, von der wir wissen, die wir erschlie\u00dfen, die wir messen, zum Beispiel die Wellenl\u00e4nge des Lichtes. Aber das ist eine ganz andere Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Wir versuchen zu verstehen und beides miteinander in Beziehung zu bringen. In wissenschaftlicher Hinsicht, oder jeder tut es f\u00fcr sich auch privat, weil er merkt, es gibt auch optische T\u00e4uschungen. Da muss man manchmal aufpassen, dass man sich nicht vertut, dass zum Beispiel im Dunkeln oder in der D\u00e4mmerung wir die Farben gar nicht mehr erkennen als Farben. Pl\u00f6tzlich ist alles Grau in Grau, auf einmal ist Rot etwas ganz dunkles und Blau ist etwas ganz helles. Es sind merkw\u00fcrdige Erfahrungen, die sich damit verbinden, aber das kann man auch innerhalb unserer Erlebniswelt erfahren.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall m\u00f6chte ich ganz deutlich sagen: die ph\u00e4nomenale Welt ist unsere erste Wirklichkeit. Sie ist nicht irgendeine Illusion. Eine Illusion kann man ja messen an einer tats\u00e4chlich vorhandenen Realit\u00e4t. Zu dieser tats\u00e4chlich behaupteten Realit\u00e4t haben wir keinen direkten Zugang, sondern erschlie\u00dfen sie nur, und das sind reine Konstrukte.<\/p>\n<p>Man kann nat\u00fcrlich auch sagen: unsere Erlebniswelt ist ein Konstrukt des Gehirns, aber das setzt voraus, dass wir \u00fcber unser Gehirn eine reale Vorstellung haben. Das ist ja sehr indirekt, da bei\u00dft sich die Ratte in den Schwanz.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Es funktioniert doch aber. Wir k\u00f6nnen in der Welt positiv \u00fcberleben und leben und kommen im gegenseitigen Austausch mit dieser Welt zurecht aufgrund der Dinge, die wir sehen, h\u00f6ren, f\u00fchlen und schmecken. Da ist also irgendwas dran, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Ein wunderbares Beispiel ist tats\u00e4chlich unsere Farbenwelt. So wie sie uns erscheint, nicht erst seit Jahrhunderten oder seit gestern. Uns scheint es selbstverst\u00e4ndlich zu sein, dass es diese Farben gibt, Rot-Gelb-Gr\u00fcn und die ganzen Zwischent\u00f6ne. Wenn man sich aber klar macht, dass andere Lebewesen Farben ganz anders sehen, manche nur hell und dunkel, manche sehen Farben, die wir \u00fcberhaupt nicht erkennen. <a name=\"wiesehenbienen\"><\/a>Bienen sehen Ultraviolett, das k\u00f6nnen wir uns gar nicht vorstellen, wie sollte das gehen?<\/p>\n<p><strong>Haben Sie eine Idee davon, was da vorgestellt wird?<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen es nur \u00fcbersetzen. Wie eine schlechte \u00dcbersetzung aus einer Sprache in die andere, k\u00f6nnen wir uns eine Ahnung davon verschaffen, was ist, indem wir versuchen, die Wellenl\u00e4nge Ultraviolett in unsere sichtbare Welt, ins Violett zu \u00fcbersetzen, und daf\u00fcr streichen wir das Rot. Eine Biene kann kein Rot als Farbe wahrnehmen, sie nimmt Rot als Schwarz wahr. Also: das ganze Spektrum hat sich verschoben.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gibt es Wesen wie die Klapperschlange, die Infrarot sehen und W\u00e4rmebilder empfangen k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnen wir uns auch nicht direkt vorstellen.<\/p>\n<p><a name=\"20millionenjahrealt\"><\/a>Innerhalb der S\u00e4ugetiere, der Primaten, muss man sagen: die Farbenwelt, wie wir sie heute erleben, ist vielleicht erst 20 Millionen Jahre alt. Vor dieser Zeit sahen unsere Vorfahren vielleicht \u00e4hnlich wie die Menschen, die heute noch Rot-Gr\u00fcn-blind sind. Sie k\u00f6nnen Rot und Gr\u00fcn nicht unterscheiden, davon gibt es ja sehr viele, \u00fcber 5% aller Menschen sind rot-gr\u00fcn-blind. Diese Art zu sehen entspricht aber wahrscheinlich dem, wie vor ungef\u00e4hr 20 Millionen Jahren unseren Vorfahren gesehen haben. Die konnten n\u00e4mlich nur die Extreme, die kurzwelligen und die langweiligen Lichter unterscheiden in zwei Qualit\u00e4ten, die sich schlecht beschreiben lassen, aber die vielleicht im Bereich Blau und Orange gelegen haben m\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeit, das Orange zu differenzieren in Rot und Gelb und Gr\u00fcn, ist eine relativ neue Errungenschaft unserer Evolution. Das h\u00e4ngt wahrscheinlich damit zusammen, dass die fernen Vorfahren von uns in B\u00e4umen herumgeturnt sind, wo sich eine Koevolution entwickeln konnte zwischen den reifenden Fr\u00fcchten und dem Farbsystem der Affen. Die Fr\u00fcchte waren im Interesse der Pflanzen dann zu essen, wenn Sie reif waren, dann konnten sie gegessen werden, und das ganze Fruchtfleisch war ein Trick der B\u00e4ume, die Affen zu verlocken, die Fr\u00fcchte zu fressen. Durch die Ausscheidungen haben sie dann die B\u00e4ume sich verbreiten lassen, und die Affen hatten etwas davon.<\/p>\n<p>Aber sie hatten auch nur etwas davon, wenn die Fr\u00fcchte reif waren, wenn sich Rot und Gr\u00fcn unterscheiden lie\u00df. Deswegen waren sie im Vorteil, wenn sie diesen Bereich des Spektrums differenzieren konnten. So unterschiedlich uns das Rot und Gr\u00fcn und Gelb erscheint, so klein ist, wenn man es sich auf der physikalischen Skala mal ansieht, der Abstand der Wellenl\u00e4ngen. Dass es solche Riesenunterschiede sind, qualitativ, ist unser Produkt, unsere Wahrnehmung, sie hat das stark auseinander gezogen, hat Qualit\u00e4ten geschaffen, zu unserem \u00fcberleben, was andere Tiere, wenn wir uns mal als Tiere sehen, so nicht haben, die unterscheiden andere Qualit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Daran wird sichtbar, dass wir wirklich unsere eigene Farbenwelt haben, und dass wir unsere Farbenwelt, wie wir sie erleben, nicht verabsolutieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"meinundihrrot\"><\/a><strong>Ist mein Rot das gleiche wie Ihr Rot?<\/strong><\/p>\n<p>Letztlich l\u00e4sst sich nicht zeigen, dass Sie dasselbe Rot so erleben, wie ich es erlebe. Ich kann es ja nicht beschreiben. Rot ist eine Qualit\u00e4t, ein \u201cQuale\u201d, das ich nicht weiter hinterfragen kann, es ist eine nicht weiter beschreibbare Qualit\u00e4t, jeder sieht sie in seiner Weise, ob wir dasselbe empfinden bei Gr\u00fcn oder Rot, kann keiner sagen.<\/p>\n<p>Es f\u00e4ngt schon im Auge an: wir haben ja nur drei farbempfindliche Rezeptoren jedenfalls die normal empfindlichen Menschen, drei empfindliche Rezeptoren f\u00fcr Blau-Violett, f\u00fcr Rot-Orange und Gr\u00fcn, und die Unterschiede sind \u00e4u\u00dferst minimal. Man hat hunderte Jahre lang im Auge geguckt, in der Netzhaut, wo da der Unterschied sein soll. Man hat nichts feststellen k\u00f6nnen, weil die Unterschiede in der Beschaffenheit der Farbrezeptoren so minimal sind, dass man es unter dem Mikroskop nicht erkennen konnte. Erst durch technische Hilfsmittel hat man feststellen k\u00f6nnen, dass in den Farbrezeptoren Farbfilter sind. Die sind so schwach wie ein Tropfen Farbe in der Badewanne, so dass man den Farbton mit blo\u00dfem Auge gar nicht erkennen konnte, aber f\u00fcr den Wahrnehmungsprozess reicht das, daraus Unterschiede festzustellen und die Farbenwelt entstehen zu lassen, die wir haben. Und das ist von Mensch zu Mensch verschieden: der eine hat mehr gr\u00fcnempfindliche Rezeptoren, der andere hat mehr rotempfindliche Rezeptoren, da gibt es gewaltige Unterschiede. Kein Mensch wei\u00df richtig zu sagen, ob sich daraus nicht auch qualitative Unterschiede in der Farbenwelt ergeben.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"inzukunftuv\"><\/a><strong>Die Evolution wird weiter gehen. Glauben Sie, dass sich unsere Farbwahrnehmung im Laufe der n\u00e4chsten Zeit in eine gewisse Richtung ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann mir das sehr gut vorstellen. Im Allgemeinen ist es ja so, dass sich in der Evolution Ver\u00e4nderungen abspielen, wenn ein gewisser Druck in einer Richtung besteht. Damals, im genannten Beispiel, war es ein Vorteil, im Zusammenhang mit den Fr\u00fcchten der B\u00e4ume das Farbsystem zu evolvieren. Dem verdanken wir unser jetziges Farbsystem. Wenn also ein Druck entst\u00fcnde, z.B. Ultraviolett st\u00e4rker wahrzunehmen, ich denke an das Ozonloch und derartige Beispiele.<\/p>\n<p>Das Ozonloch bringt ja mit sich, dass UV st\u00e4rker auf die Erde strahlt, was zun\u00e4chst einmal als sch\u00e4dlich wahrgenommen wird, und zu Recht, wir sind darauf nicht so eingerichtet. Ein bisschen UV braucht die Haut, um Vitamin D entwickeln zu k\u00f6nnen. Da ist also eine gewisse Abh\u00e4ngigkeit, wir sind darauf eingestellt, auch UV zu verarbeiten. Wir brauchen das f\u00fcr unser \u00dcberleben, aber nicht in dem Ma\u00dfe, wie es zum Teil auf die Erde prasselt, wenn die Ozonschicht gerade mal wieder zerst\u00f6rt ist.<\/p>\n<p>Wenn so etwas also passiert, dass die ozonsch\u00e4dlichen Emissionen der Sonne st\u00e4rker durchdringen und der Anteil von UV uns st\u00e4rker treffen sollte, muss sich unser Organismus irgendwie darauf einstellen, oder wir werden krank. Wir bekommen Hautkrebs. Wenn sich also in dieser Richtung etwas ver\u00e4ndern sollte, dann kann ich mir gut vorstellen, dass sich die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr UV ver\u00e4ndern w\u00fcrde f\u00fcr unsere Augen. Dass diejenigen Menschen, die UV unterscheiden k\u00f6nnen von anderen Anteilen des Spektrums, eine h\u00f6here \u00dcberlebenschance haben gegen\u00fcber anderen.<\/p>\n<p>Das ist jetzt rein spekulativ gedacht, aber es ist durchaus m\u00f6glich. Es zeigt sich jetzt schon: Untersuchungen haben ergeben, dass manche Menschen offenbar noch einen weiteren Rezeptor im Auge haben. Man hat bisher nicht feststellen k\u00f6nnen, ob das mit dem Erleben einer weiteren, einer neuen Farbqualit\u00e4t verbunden ist, ob bei diesen Mensche das Farbsystem v\u00f6llig anders ist als bei den Trisomaten, die wir alle normalerweise sind, es deutet sich aber so etwas an.<\/p>\n<p>Aber bisher war es ja so, wir haben den kurzwelligen Bereich, da sind die blauempfindlichen Rezeptoren zust\u00e4ndig, wir haben den langwelligen Bereich, daf\u00fcr war fr\u00fcher der orange empfindliche Rezeptor zust\u00e4ndig, der hat sich differenziert in den ganzen Rot-Gr\u00fcn-Gelb-Bereich. Bisher ist es immer so, dass sich eine neue Unterscheidung, der neue Rezeptor immer wieder in diesem Rot-Gr\u00fcn-Gelb-Bereich gebildet hat, der zun\u00e4chst mal nicht viel Neues bringt. Wenn ich ein Ingenieur w\u00e4re und ich sollte unser Farbsystem aufpushen, dann w\u00fcrde ich eher in den gro\u00dfen Bereich zwischen kurzwelligem Blau und dem mittel- und langweiligen noch etwas einbauen. Oder ich w\u00fcrde zum Beispiel im Bereich des UV etwas machen. Aber so geht nat\u00fcrlich die Biologie nicht vor. Bisher zeigt sich: die Physiologie der Farbwahrnehmung ist heute noch in Bewegung, ist heute noch ver\u00e4nderlich.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: unsere Farbrezeptoren, sowohl die f\u00fcr hell-dunkel wie auch f\u00fcr die Farbe, sind auch f\u00fcr UV empfindlich. Wir haben vor der Netzhaut einen sogenannten \u201cgelben Fleck\u201d. Er bildet gewisserma\u00dfen eine Sonnenbrille im Zentrum der lichtempfindlichen Organe im Zentrum des Sehens, um diese besonders vor UV zu sch\u00fctzen. Die Gelbf\u00e4rbung ist wie eine Sonnenbrille mit UV-Schutz in unserem Auge. Sie mildert den Anteil des UVs, es kommt immer noch ein bisschen UV an, und es ist durchaus m\u00f6glich, sensibel sind unsere Organe schon f\u00fcr UV, nur sind sie noch nicht eingerichtet daf\u00fcr, in diesem Bereich das UV noch einmal differenzieren zu k\u00f6nnen von den anderen.<\/p>\n<p>Genauso wie die fr\u00fcheren orangeempfindlichen Rezeptoren zwar auch Rot, Gr\u00fcn und Gelb h\u00e4tten sehen k\u00f6nnen, aber die Qualit\u00e4ten gab es noch gar nicht, weil es keine M\u00f6glichkeit gab, sie mithilfe von andersartigen Rezeptoren zu unterscheiden. So ist das auch beim UV, eigentlich ist unser Sehsystem schon vorpr\u00e4pariert daf\u00fcr, auch UV sehen zu k\u00f6nnen, aber es gibt noch keine M\u00f6glichkeit, durch Differenzbildung von benachbarten Wellenl\u00e4ngen diesen Bereich noch einmal gesondert zu differenzieren.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Warum ist das nicht schon l\u00e4ngst entstanden in der Evolution, das UV ist doch schon immer eine permanente Gefahr gewesen und nicht erst durch das Ozonloch hervorgerufen?<\/strong><\/p>\n<p>Offenbar gab es bei den S\u00e4ugetieren keinen Druck in der Richtung. Bei den V\u00f6geln ist es anders. Die allermeisten V\u00f6gel k\u00f6nnen UV sehen, also nicht nur die Honigbiene kann UV sehen: zum Beispiel die Rabenv\u00f6gel haben schwarzes Gefieder. Wir denken: wie langweilig, aber f\u00fcr die Raben ist das bunt! Sie unterscheiden zwischen dem schwarzen Glanz noch Farbigkeiten, die sich aus der UV-R\u00fcckstrahlung ergeben. Sie sehen ein Muster, das wir \u00fcberhaupt nicht sehen. Das gilt f\u00fcr die Bienen genauso. Die V\u00f6gel haben dieses Vierfachsystem, sie sehen das trichromatische, das wir haben, und sie haben auch zus\u00e4tzlich noch UV-empfindliche Rezeptoren und sehen dadurch Muster in ihrem schwarzen Gefieder, f\u00fcr die wir blind sind.<\/p>\n<p>Genauso wie wir f\u00fcr die Farben der Blumen auch zum Teil blind sind. Diese bunte Blumenpracht, die wir so bewundern und die wir pflegen, ist gar nicht f\u00fcr uns geschaffen, sondern f\u00fcr die Insekten. Den Anteil, der f\u00fcr die Insekten so wichtig ist, n\u00e4mlich UV, das sehen wir gar nicht. Jede Blume, die wir drau\u00dfen sehen, strahlt im Ultraviolett ein besonderes Muster, wir sehen das nicht. Wir sehen ein Rot, aber da ist noch ein Muster, auf das speziell die Bienen und andere Insekten besonders reagieren.<\/p>\n<p>K\u00e4fer und Insekten aller Art reagieren auf das UV, wir nicht. Es besteht offenbar keine Notwendigkeit, aber vielleicht h\u00e4ngt es damit zusammen, dass da kein evolution\u00e4rer Druck f\u00fcr die S\u00e4ugetiere bestand. Das k\u00f6nnte sich durchaus \u00e4ndern. Man merkt es daran, dass wir in unterschiedlicher Weise UV-empfindlich sind. Menschen, die seit Jahrtausenden in der n\u00f6rdlichen Region leben, haben sehr helle Haut und Menschen, die in \u00c4quatorn\u00e4he leben, haben sehr dunkle Haut. Das ist eine Reaktion auf den UV- Eintrag. Der K\u00f6rper braucht Ultraviolett, deswegen ist es notwendig, etwas UV an die Haut zu lassen, aber wenn, wie in \u00c4quatorn\u00e4he, zu viel an die Haut kommt, muss sich die Haut sch\u00fctzen.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Der Grund f\u00fcr die unterschiedlichen Hautfarben\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Die Hautfarben haben nichts zu tun mit rassistischen Unterstellungen, sondern sie haben einfach damit zu tun, dass die Farbe ein Schutzmechanismus ist, man muss dunkle Haut haben, um den K\u00f6rper vor sehr starkem UV-Eintrag zu sch\u00fctzen. Wo die UV-Strahlung sehr gering ist, wie n\u00f6rdlichen Breiten, muss die Haut sehr hell sein, damit sie \u00fcberhaupt das notwendige UV empf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Witzigerweise ist es nun so, dass die Inuit, die Eskimos, ja eine relativ dunkle Haut haben. Dies ist h\u00e4ufig als Gegenargument angewandt worden, aber sie ern\u00e4hren sich haupts\u00e4chlich von Fisch, und der Fisch liefert das notwendige Vitamin D. Auf diese Weise ist also Ausgleich geschaffen. Einerseits m\u00fcssen sich die hellh\u00e4utigen Menschen in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern sch\u00fctzen mit entsprechenden Cremes, damit sie nicht Sonnenbrand oder Hautkrebs bekommen. Wenn dunkelh\u00e4utige Menschen in n\u00f6rdliche Bereiche kommen, m\u00fcssen sie durch Vitamin-D-haltige Nahrung, z.B. Fisch, einen Ausgleich \u00fcber die Ern\u00e4hrung bekommen. Inzwischen ist das kein Problem mehr, weil wir durchschauen, was notwendig ist, aber von der Natur her gesehen kann man sehr sch\u00f6n sehen, wie die Evolution im Laufe der Zeit Unterschiede gemacht hat.<\/p>\n<p>Wie das in Zukunft weitergeht, wei\u00df ich nicht. Falls es notwendig werden sollte, k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass eines Tages gentechnisch etwas gemacht werden k\u00f6nnte, damit wir UV-sensibel werden.<\/p>\n<p>Man hat sogar, und das ist keine Science Fiction, farbenblinde M\u00e4use \u00fcber Viren mit Genen versehen, die die Unterscheidung von Rot und Gr\u00fcn enthalten. Auf einmal konnten sie Rot und Gr\u00fcn unterscheiden, und entwickelten ein ganz neues Farbsystem. Man hat solche Versuche, soweit ich wei\u00df, beim Menschen noch nicht gemacht. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen, die Rot und Gr\u00fcn nicht unterscheiden k\u00f6nnen, falls sich sie darauf einlassen, einen solchen Versuch mitzumachen, die Erfahrung machen, dass sie ganz neue Farben sehen.<\/p>\n<p>Ich habe davon noch keine Kenntnis, es ist ja immer heikel, wenn man Menschenversuche macht, aber wenn Leute sagen, das ist mir die Sache wert, ich m\u00f6chte da noch mehr Erleben im Bereich der Farben haben, und falls gesichert ist, dass die Sache nicht sch\u00e4dlich ist, wird es sicher einmal dazu kommen. Dann wird sich zeigen, inwieweit tats\u00e4chlich neue Farben in die Welt kommen, die uns bis dahin selbstverst\u00e4ndlich waren.<\/p>\n<p>Deswegen halte ich es im Bereich des UV durchaus f\u00fcr realistisch, dass wir irgendwann daf\u00fcr vom Sehen her sensibilisiert werden. Wenn Gefahr droht, bleiben wir eben drin, gehen nicht mehr raus. Wir sehen es dann unmittelbar: oh da ist es auf einmal hell von UV! Bisher k\u00f6nnen wir uns behelfen damit, dass wir entsprechende Messger\u00e4te haben.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"inzukunftabstumpfen\"><\/a><strong>W\u00e4re andererseits auch denkbar, dass wir abstumpfen in anderen Farbbereichen und Farbqualit\u00e4ten, weil unsere moderne Welt von anderen und viel grelleren Farbreizen gepr\u00e4gt ist als die nat\u00fcrliche Umwelt?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Gefahr, die wahrscheinlich sogar unmittelbarer ist. Dass wir in der Differenzierung von Farbt\u00f6nen im negativen Sinne geschult werden, weil die Reiz\u00fcberflutung ja nicht nur ein Schlagwort ist, sondern sie ist wirklich Realit\u00e4t. Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich auch mit den neuen Medien zusammen, auf die wir sehr ansprechen.<\/p>\n<p>Sie sind ja in Wechselwirkung mit den Vorlieben unseres Erlebens entwickelt worden, dazu geh\u00f6rt auch immer, neue Reize aufzunehmen und diese Reize konkurrieren, nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden, und jeder versucht, den anderen zu \u00fcbertrumpfen mit: noch mehr, noch greller, noch heller, noch lauter noch schneller im Wechsel, bis einem der Kopf dr\u00f6hnt, manchmal ist das wirklich unangenehm, und wahrscheinlich ist damit auch eine Abstumpfung verbunden. Dass wir die feineren Unterschiede vielleicht neu lernen m\u00fcssen. Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass wir sie verlernen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcsste nicht, dass es dazu eine Untersuchung gibt. Man wei\u00df es aber von T\u00f6nen her. Wenn man das Ohr zu laut beschallt, dann gehen die Sinnesh\u00e4rchen im Innenohr zugrunde, und wir k\u00f6nnen bestimmte Frequenzen nicht mehr wahrnehmen. Daher ist es gar nicht schlecht, wenn man sich gelegentlich aus dieser Reiz\u00fcberflutungswelt zur\u00fcckzieht und den mittleren T\u00f6nen Raum gibt.<\/p>\n<p>Schauen Sie sich dieses gro\u00dfe Bild an. Das hat ein chinesischer Student von mir gemalt. Sie sehen, es umspielt eigentlich nur Graut\u00f6ne. Das ist ganz im Sinne von Laotse, der gesagt hat, man solle die grellen Farben meiden. Ganz in diesem Sinne ist dieses Bild entstanden, es ist nur im Bereich des Grau, spielt etwas ins Gr\u00fcnliche, etwas ins R\u00f6tliche, etwas ins Bl\u00e4uliche, aber es bleibt ganz verhalten im Bereich der unges\u00e4ttigten Farben und zwingt so das Auge, Farbigkeit in das Bild hinein zu bringen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4660\" aria-describedby=\"caption-attachment-4660\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"size-large wp-image-4660\" src=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-junjiang-458x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-junjiang-458x1024.jpg 458w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-junjiang-134x300.jpg 134w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-junjiang-380x849.jpg 380w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-junjiang.jpg 537w\" sizes=\"(max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4660\" class=\"wp-caption-text\">Jun Jiang 2008, o. T., \u00d6lbild 85 x 200 cm<\/figcaption><\/figure>\n<p>So etwas liebe ich. Dass man sich ganz betont zur\u00fcckzieht, zur\u00fccknimmt und einfach den Reichtum der ganze Farbenwelt dadurch neu erschafft, dass man auch in den objektiv reizarmen Situationen Vielfalt und Reichtum f\u00fcr sich entdeckt. Ich glaube, das ist ein guter Weg, den jeder f\u00fcr sich gehen kann, aber man muss dazu einen Schritt zur\u00fccktreten vor dem, was die Medien mit uns machen.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"lieblingsfarbe\"><\/a><strong>Welches ist Ihre Lieblingsfarbe?<\/strong><\/p>\n<p>Als Farbenfreund wei\u00df ich wie jeder K\u00fcnstler alle Farben in ihrer Vielfalt und ihren \u00fcberraschenden Farbakkorden zu sch\u00e4tzen. Des Weiteren muss ich zwischen Hintergrundfarbe und Figurfarbe unterscheiden, denn was als Figurfarbe \u00fcberzeugt, kann als Hintergrundfarbe schrecklich sein. Aber ich will nicht ausweichen und mich nicht \u2013 wie manche K\u00fcnstlerkollegen \u2013 in ein distanziertes Schwarz oder ein Universalit\u00e4t demonstrierendes Wei\u00df kleiden. Meine liebste Hintergrundfarbe spielt im Blau-Gr\u00fcn-Bereich, wo sie die Ruhe ausstrahlt, die das Denken braucht. Meine liebste Figurfarbe ist demgegen\u00fcber das pure Rot, die Farbe der Farben, der leuchtende Akzent, der die Aufmerksamkeit fordert.<\/p>\n<p><a name=\"ncs\"><\/a><strong>Ich habe hier einen Atlas mitgebracht. NCS ist ein Farbsystem aus Schweden, das in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts auf den Markt gekommen ist. Hier wird versucht, die menschliche Farbwahrnehmung in gleichabst\u00e4ndige Form zu bringen. Zeigen m\u00f6chte ich Ihnen den recht gro\u00dfen Umfang von Gr\u00fcn- und Gelbt\u00f6nen, was in mir in den Gedanken ausgel\u00f6st hat: okay, das waren die 30er und 40er Jahre in Schweden, in dieser gr\u00fcnen Natur, eine Umgebung, die in die Farbwahrnehmung der Menschen Eingang gefunden hat. <\/strong><\/p>\n<p>Da kommen wir nochmal genau ins Zentrum der Schwierigkeit, physikalische Messgr\u00f6\u00dfen und erlebnism\u00e4\u00dfige Daten \u00fcberein zu bringen. Es setzt voraus, dass wir von einer mittleren Wahrnehmung ausgehen, dass wir ausgehen von Trisomaten, die ein funktionierendes Dreifarbensystem haben, also keine Farbenblinden oder Teil-Farbenblinden, es gibt ja die verschiedensten Abstufungen. Das ist eine Voraussetzung, und dass es tats\u00e4chlich gelingt, Gleichabst\u00e4ndigkeit \u2013 ja in welchem Sinne eigentlich? \u2013 im erlebten Sinne zu finden. Das ist hier versucht worden, das sieht man sehr sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Ob das an jedem Punkt, bei jedem Zweierschritt tats\u00e4chlich gelungen ist, kann man aber in Frage stellen. Wenn ich zum Beispiel diese Orange-T\u00f6ne sehe, dann erscheinen die mir untereinander relativ \u00e4hnlich, also zwischen diesen beiden und diesen beiden. Von diesem Gelb zu diesem benachbarten Gr\u00fcn ist es aber ein ziemlich gro\u00dfer Sprung.<\/p>\n<p>Gelb ist eine Farbe die erlebnism\u00e4\u00dfig au\u00dferordentlich empfindlich ist. Physikalisch ist es eine Wellenl\u00e4nge neben anderen, aber erlebnism\u00e4\u00dfig reicht die kleinste Beimischung zum Gelb, um daraus einen anderen Farbton zu machen. Da ist unsere Empfindlichkeit am sensibelsten.<\/p>\n<p>Das zeigt sich auch an diesem Farbkreis. Wenn ich den Farbkreis wirklich v\u00f6llig gleichabst\u00e4ndig machen wollte, m\u00fcsste ich den Gelbbereich weiter aufbl\u00e4hen, vielleicht zu Lasten des Orangebereichs, oder, jedenfalls wie ich das sehe, zu Lasten des Violett-, Blau- und Gr\u00fcnbereichs. Hier zum Beispiel sehe ich auch Farbabst\u00e4nde, die nach meiner Wahrnehmung relativ klein sind. Im Gelbbereich gibt es f\u00fcr mich demgegen\u00fcber Riesenstufen..<\/p>\n<p>Es ist also extrem schwierig, und das Problem hat man in der Farbforschung st\u00e4ndig: dass man die verschiedenen Farbbereiche gleichabst\u00e4ndig machen m\u00f6chte. Wenn man es dann schafft, zeigt sich die Schwierigkeit, das wieder physikalisch abzubilden.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"cielab\"><\/a><strong>Hier ist unser HLC Colour Atlas, der den CIELAB Farbraum abbildet, soweit er im Proofdruck abgebildet werden kann. Auch hierzu die Frage, was halten Sie davon? Und was halten Sie vom Normalbeobachter nach CIE, der aufgrund recht weniger Probanden ermittelt wurde? Die Angaben in der Literatur schwanken zwischen 5 und 20 Probanden.<\/strong><\/p>\n<p>Also wir haben hier das gleiche wie da, so wie ich das zun\u00e4chst mal sehen w\u00fcrde, aber, wie gesagt, ich schlie\u00dfe jetzt von meiner Wahrnehmung. Man muss, wie Sie zurecht sagen, das mit einer sehr gro\u00dfen Zahl von Beobachtern machen und darauf achten, dass sie wirklich farbt\u00fcchtig sind, dass sie Trisomaten sind, also zum Beispiel keine Rot-Gr\u00fcn-Schw\u00e4che haben. Das ist schon eine Selektion, man k\u00f6nnte diese verfeinern, es w\u00fcrde zu weit f\u00fchren, man will es ja auch praktikabel halten.<\/p>\n<p>So wie ich das sehe, haben wir hier genau das gleiche Problem wie bei dem NCS-Kreis: Der Gelbbereich ist zu eng, man m\u00fcsste ihn weiter dehnen. Wir k\u00f6nnen ja zwischen 1,5 und 7,5 Millionen Farben unterscheiden, und besonders sensibel sind wir f\u00fcr den Gelbbereich. Dieser m\u00fcsste weiter gedehnt werden, und andere k\u00f6nnten zusammen gestaucht werden. Das Problem ist, dass dies ja \u00fcbertragen werden m\u00fcsste auf die gesamten Ausgabesysteme. Der Anspruch ist zwar da, dass man es erlebnism\u00e4\u00dfig macht, aber ich w\u00fcrde mal sagen: der Anspruch ist nicht erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Ich sehe dies auch im technischen Bereich. Es ist ja m\u00f6glich, \u00fcber RGB 16 Millionen Farben darzustellen. Die meisten hiervon k\u00f6nnen wir gar nicht unterscheiden. Man denkt: 16 Millionen ist so riesig, das ist viel mehr als die maximal siebeneinhalb Millionen, die wir unterscheiden k\u00f6nnen. Aber im RGB-Bereich ist ein gro\u00dfer Teil im Blaubereich, wo man das vergessen kann, die sind zu \u00e4hnlich, um sie zu unterscheiden. Wenn man hingegen im RGB-Modell Streifungen ansieht, die im Gelbbereich nebeneinander stehen, sieht man sehr feine Unterschiede.<\/p>\n<p>Bei Gelb reichen die 16 Millionen gar nicht. Eigentlich muss ich den Gelbbereich ausdehnen zu Lasten von Blau. Dies ist aber technisch schwierig.<\/p>\n<p>Die Umsetzung der erlebten Unterscheidung in das physikalische ist eine Aufgabe, die ich noch nirgends vollst\u00e4ndig und befriedigend gel\u00f6st sehe. Wenn das einmal gel\u00e4nge, w\u00e4re das ein gro\u00dfer Wurf. Ich wei\u00df nicht, ob es gelingt, und wenn, dann ist es immer noch eine Pauschall\u00f6sung \u00fcber alle Trisomaten hinweg, damit m\u00fcsste man dann leben, aber das w\u00e4re auch schon ein gro\u00dfer Gewinn.<\/p>\n<p>Wenn man neues ansteuern w\u00fcrde, dann sollte man die Feinabstufungen im Gelbbereich noch einmal verst\u00e4rken. Das Gelb leuchtet ja geradezu aus dem Farbkreis heraus, w\u00e4hrend der Blaubereich, der Gr\u00fcnbereich und der Violettbereich in sich relativ homogen sind. Das Gelb ist ein viel zu schmaler Bereich.<\/p>\n<p>Also, da ist das CIELAB-Modell noch nicht gelungen. F\u00fcr die Zukunft w\u00e4re sicher noch was zu machen, vielleicht ein neuer Atlas anzufertigen, der speziell darauf R\u00fccksicht nimmt. Wie sensibel man ist, sieht man auch daran, dass speziell dieses Orange hier etwas zu br\u00e4unlich ist.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Das liegt auch an der drucktechnischen Umsetzung.<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Da haben wir ein weiteres Problem. Ich habe auf Ihrer Webseite gesehen, dass man versucht, RGB-Farbe und CMYK ineinander zu \u00fcbersetzen. Das versuchen viele andere auch, aber es geht irgendwie nicht. Es sind Farbbereiche, die teilweise miteinander zur Deckung zu bringen sind, aber jeder Bereich hat seine Bereiche, die das andere System gar nicht erfasst.<\/p>\n<p>So ein leuchtendes Blau wie auf dem Bildschirm kriegen wir drucktechnisch einfach nicht auf die Reihe, das geht nicht, zumindest nicht im Vierfarbendruck Es liegt an der Art der Mischung und liegt an der Art der Farbigkeit, die hier durch Mischung zustande kommt. Da kriegen wir diese pure Farbigkeit im Blaubereich zum Beispiel gar nicht hin. Wir k\u00f6nnen so ein leuchtendes Blau nicht machen. Orange ist ein Riesenproblem, Gelb kommt hingegen relativ gut heraus im Druck. Es gibt Bereiche, wo ich immer Kompromisse eingehen muss, um einigerma\u00dfen befriedigende L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n<p>Ich habe ja mehrere B\u00fccher geschrieben. Hierbei habe ich, wie man es heute macht, die Farbdaten am Computer entworfen, und ich war hinterher entsetzt \u00fcber manches. Es f\u00e4ngt gleich an mit dem Farbenkreis, den ich darstelle, von dem ich ausgehe gleich am Anfang. Ich dachte: du liebe G\u00fcte das darf doch nicht wahr sein, das ist doch kein Blau! Wir kriegten das Blau einfach nicht zum Leuchten.<\/p>\n<p>Das Orange ist auch nicht drauf, und auch nicht dieses Blau hier. Dies ist weitaus besser (zeigt auf den HLC Atlas).<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Dies ist ein Sieben-Farben-Druck am Epson-Proofdrucker.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, da haben Sie mit 7 Farbendruck gearbeitet! Aber die meisten versuchen es mit 4 Farben, also mit drei Farben und Schwarz dazu. Das ist ja im Grunde schon gemogelt und eine Art Kompromiss, den man durch das Schwarz noch reinbringt. Ohne das Schwarz w\u00e4re alles gries und grau, bek\u00e4men wir \u00fcberhaupt keine richtigen Farbgegens\u00e4tze und keine ordentlichen Kontraste. Beim Vierfarbendruck kommt das Blau einfach nicht.<\/p>\n<p>Mit dem 7-Farbendruck kann man nat\u00fcrlich viel mehr hinbekommen, aber das ist in der Praxis viel teurer. Welcher Verlag produziert ein normales Buch im 7-Farben-Druck? Ich bin sehr froh \u00fcber dieses Buch, es war teuer genug in der Herstellung, und deswegen musste ich mich mit diesem Kompromiss zufrieden geben.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"zukunftfarbsystem\"><\/a><strong>Wie sehen Sie die Zukunft der Farbsysteme? <\/strong><\/p>\n<p>Es w\u00fcrde mir schon reichen, wenn man wirklich ein System bekommt, dass man zwischen den RGB-Farben des Bildschirm und denen des Vierfarben- und des Siebenfarbendrucks \u2013 damit ist man dann ein bisschen dichter dran \u2013 dass man diese Zuordnungen eindeutig macht. Freie Farbe beansprucht das ja, ich m\u00f6chte aber bezweifeln, dass man schon am Ende der Fahnenstange angelangt ist.<\/p>\n<p>Die Welt wird immer weiter digitalisiert durch die Verwendung der Medien und ist daher immer mehr bildschirmbezogen, aber wir werden ohne Pigmentfarben sicherlich nicht auskommen. Die Aufgabe ist, Bildschirmfarben und Pigmentfarben eindeutig auf einander zu beziehen. Das ist f\u00fcr die n\u00e4chste absehbare Zeit eine vorrangige Aufgabe, die noch nicht erf\u00fcllt ist, da muss man also noch etwas tun. Man sieht es an bestimmten Farbbereichen, wo es noch hakt.<\/p>\n<p>Wenn man einen Farbatlas hat, in dem man gedruckte Farben aussucht, auf dem Bildschirm korrekt angezeigt bekommt, und hiermit exakte Pigmentfarben auf meinem Auto erhalte, dann ist man schon sehr weit. Dies w\u00e4re das Nahziel, das erreicht werden muss. Vielleicht werden wir nie ans absolute Ende kommen, aber mit Farben als Pigmente und Bildschirmfarben praktikabel umzugehen, w\u00e4re schon ein gro\u00dfer Schritt. Ich bin ja schon froh, wenn meine Fotos vern\u00fcnftig aus der Druckstation herauskommen.<\/p>\n<p><strong>Es geht hierbei auch um die Genauigkeit. Dies ist vor allem in Pastellfarben schwierig, weil hier eine kleine \u00c4nderung oder ein Fehler in der Farbd\u00fcse oder im Pigment sofort zu einer deutlichen Farbabweichung f\u00fchrt. <\/strong><\/p>\n<p>Ja, wie geht man da weiter vor? Ein interessanter Punkt ist: bisher ist man meistens von Pigmentfarben ausgegangen. Man k\u00f6nnte aber besser von Bildschirmfarben ausgehen, weil wir hier mit RGB eine hohe Entsprechung zu den Zapfentypen in unserem Auge haben. Ein idealer Zustand w\u00e4re, sich bei den drei Bildschirmfarben noch genauer zu orientieren an dem, was ein normaler Trisomatiker an Empfindlichkeiten hat. Wenn man also Leuchtfarben entwickeln k\u00f6nnte, die dem Spektralverlauf der Empfindlichkeit drei Zapfentypen im Auge entsprechen. Und zwar inklusive des kleinen Anfangsbuckels im Violettbereich beim L-Typ. Dieser ist vermutlich daf\u00fcr verantwortlich, dass wir den Anfang und das Ende des Spektrums als \u00e4hnlich purpurviolett empfinden, und dass das Spektrum der Farben zu einem kreisartigen, zirkul\u00e4ren Gebilde geschlossen werden kann.<\/p>\n<p>Die Technologie w\u00e4re also an der Reihe, drei RGB-Farben f\u00fcr den Bildschirm zu entwickeln, deren Spektren die Zapfenempfindlichkeiten m\u00f6glichst exakt nachbilden. Dieses w\u00e4re dann auch eine gute Grundlage f\u00fcr die Entwicklung zugeordneter Pigmentfarben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4659\" aria-describedby=\"caption-attachment-4659\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"size-full wp-image-4659\" src=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren.jpg 906w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren-300x215.jpg 300w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren-768x551.jpg 768w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren-380x273.jpg 380w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-farbrezeptoren-800x574.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 906px) 100vw, 906px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4659\" class=\"wp-caption-text\">Empfindlichkeitsbereiche der drei Farbrezeptoren des menschlichen Auges. Zumindest beim S-Typ reicht die Empfindlichkeit auch in den Ultraviolettbereich hinein. G\u00e4be es einen Rezeptortyp f\u00fcr den Bereich zwischen S- und M-Typ, k\u00f6nnte durch Differenzbildung zum S-Typ auch UV wahrgenommen werden.&#8220;<\/figcaption><\/figure>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Waren Sie als Erfinder auch im Bereich Farbe aktiv?<\/strong><\/p>\n<p>1971 habe ich ein Farbmischger\u00e4t erfunden. Es funktionierte als Kreisel mit drei Scheiben, die man mittels zweier Differenzialgetriebe verstellen konnte, w\u00e4hrend der Kreisel sich drehte. Ich sendete es an eine amerikanische Firma zur Pr\u00fcfung und habe nie wieder etwas von denen geh\u00f6rt. Da war ich nat\u00fcrlich stinksauer. Einige Jahre sp\u00e4ter habe ich ein anderes Modell bauen lassen, das im Prinzip funktionierte. Man konnte die Anteile der Mischfarben fortlaufend verstellen und erh\u00e4lt alle m\u00f6glichen partitiven Farbmischungen. Doch dann kamen die neuen Medien mit Farbmonitoren, da war diese Technologie der Farbmischung dann nicht mehr gefragt.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Vorhin hatten wir den Punkt, dass wir mit unserer Wahrnehmung nur ein Bild von der Realit\u00e4t haben. Wenn wir uns mit den Medien immer weiter der Realit\u00e4t ann\u00e4hern, liegt nicht die Gefahr auch darin, dass wir eines Tages die Medienwiedergabe f\u00fcr die Realit\u00e4t halten? Es ist doch auch jetzt schon so, dass immer mehr Menschen sich in den virtuellen Welten und im Bezug zur Realit\u00e4t verlieren. <\/strong><\/p>\n<p>Man kann es auch umgekehrt sehen. Momentan haben wir eine \u00dcbertreibung der Realit\u00e4t, eine \u00dcbersteigerung zum Beispiel in der Farbigkeit, die so schreiend und grell ist, dass es \u00fcberhaupt nicht mehr der Realit\u00e4t entspricht. Aber es ist das Signal, das die Leute offenbar anspricht, wo sie hingucken: st\u00e4ndiger Wechsel, kein Spot darf l\u00e4nger als drei Sekunden dauern, es ist furchtbar.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde eher vermuten, dass man Verdruss bekommt, st\u00e4ndig mit diesen schreienden Farben der digitalen Medien \u00fcberflutet zu werden, und dass man den viel reicheren Schatz nat\u00fcrlicher Farben neu sch\u00e4tzen lernt.<\/p>\n<p>Meine Frau ich sind lange Zeit auf Nordlicht-Jagd gegangen. Wir waren \u00fcberall im Bereich des Polarkreises. 2017 waren wir in Alaska bei minus 40 Grad und haben das sch\u00f6nste Nordlicht erfahren, dass man sich vorstellen kann. Der Himmel brannte sozusagen. Das war so perfekt, dass wir jetzt damit aufgeh\u00f6rt haben, denn es kann nicht besser werden. Sogar die Einheimischen sagten damals, so ein tolles Spektakel h\u00e4tten sie seit mehreren Jahren nicht erlebt.<\/p>\n<p>Ich habe gemerkt, die direkte Erfahrung des Nordlichtes war phantastisch, aber es war sehr verhalten. Gr\u00fcn war immer vorhanden, aber die anderen Farbt\u00f6ne waren immer nur ansatzweise enthalten.. Was man meistens auf Fotos von Nordlichtern in den Medien sieht, sind totale \u00dcbertreibungen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4661\" aria-describedby=\"caption-attachment-4661\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"size-full wp-image-4661\" src=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-nordlicht.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-nordlicht.jpg 678w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-nordlicht-203x300.jpg 203w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-nordlicht-380x560.jpg 380w\" sizes=\"(max-width: 678px) 100vw, 678px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4661\" class=\"wp-caption-text\">Nordlicht \u00fcber Alaska. M. K. 2017<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf eigenen Fotos versuche ich, dem unmittelbaren Eindruck nahezukommen.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung lehrte mich: die eigene, unmittelbare Erfahrung der verhaltenen Farbigkeit hat ihren ganz besonderen Reiz. Ich freue mich \u00fcber jede Spur von Rot und Blau, die ich \u00fcberhaupt sehe. Auf Fotos ist das gar nichts besonderes. Diese Besonderheitserfahrung habe ich nur in der Natur.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Wobei doch das Jahrzehnt der schreienden Farben l\u00e4ngst vorbei ist. Wenn ich zum Beispiel an Auto- und Modefarben denke, dann ist man von den grellen Farbt\u00f6nen weg gekommen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann verstehen, dass es dieses Bed\u00fcrfnis gegeben hat. Oft hing es damit zusammen, dass Pigmente verf\u00fcgbar waren, die vorher nicht oder nicht in lichtechter Form verf\u00fcgbar waren.<\/p>\n<p>Einmal bekam ich einen Anruf aus der Autoindustrie. Sie wollten wissen, welche Farben in n\u00e4herer Zukunft f\u00fcr die Verbraucher interessant sein w\u00fcrden. Da kam ich auf einiges zu sprechen, ich vermutete, dass Schwarz und Wei\u00df und auch Grau in leicht abget\u00f6nter Form aus den genannten Gr\u00fcnden ein gewisse Zukunft haben w\u00fcrde. Diese Vermutung hat sich bewahrheitet.<\/p>\n<p>Eine Farbe, der ich \u00fcberhaupt keine Zukunft einr\u00e4umte, war Gold. Es w\u00e4re sofort erkennbar als falsches Gold, als etwas, das mehr vorgibt als es ist. Vielleicht h\u00e4tte es eine Chance bei den Scheichs, hier bei uns aber w\u00fcrde es nur Sozialneid hervorrufen. Bis heute hat Gold als Sonderfarbe bei Autos keine Bedeutung.<\/p>\n<p><a name=\"selbst\"><\/a><strong>Sie erinnern mich ungemein an Hoimar von Ditfurth. Ist die Schublade des Universalgelehrten f\u00fcr Sie relevant? <\/strong><\/p>\n<p>In dieser Tradition finde ich mich durchaus wieder. Vorbilder sind f\u00fcr mich Heinz Haber, Hoimar von Ditfurth oder aktuell Harald Lesch. Und ich m\u00f6chte auch den Hirnforscher Erwin-Josef Speckmann nennen, mit dem ich viel zusammenarbeite.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Welches Leben, welche Erfahrungen stecken dahinter?<\/strong><\/p>\n<p>Schon als Dreij\u00e4hriger bin ich stundenlang allein durch Wald und Feld zum Kindergarten marschiert. Ich hatte dann das Gl\u00fcck, in einer Schule und Schulklasse zu sein, in der man sich gegenseitig in seiner Individualit\u00e4t tolerierte. Aber im Physikunterricht habe ich vieles \u00fcberhaupt nicht verstanden, Erdkunde hat mich gar nicht interessiert, ich hatte ein ganz schlechtes Zeugnis, habe mich durchlaviert. Ein paarmal war ich auch kurz davor sitzenzubleiben.<\/p>\n<p>Meine Interessen an Physik, Chemie usw. entwickelten sich erst nach der Schule. Ich fand nun neuen Zugang dazu, fand das nun ungemein spannend und faszinierend, w\u00e4hrend mir die Didaktik der Schule das Interesse erlahmen lie\u00df. Dort war alles so formalistisch und so n\u00fcchtern und trieb das Staunen aus, das am Anfang allen wissenschaftlichen Fragens steht..<\/p>\n<p>Sehr stark gepr\u00e4gt bin ich durch meinen Onkel. Er war \u00fcber viele Jahre Direktor der Universit\u00e4tskliniken in Jena und begeisterter Naturwissenschaftler. Bei ihm habe ich mit 18 Jahren meine erste Vorlesung geh\u00f6rt, es ging um Hypnose. Ich sah, wie man Menschen unter Hypnose in eine kataleptische Starre bringen kann, oder dass man mit Hypnose das Schmerzempfinden ausschalten kann. Das war letztlich auch der Ausl\u00f6ser f\u00fcr mein Psychologiestudium.<\/p>\n<p>Die Astronomie hat mich auch immer wahnsinnig begeistert. Ich hatte mein eigenes kleines Fernrohr und beobachtete die Sterne und die Jupitermonde, wie sie in wechselnden Konstellationen den Jupiter umkreisten. Als ich sp\u00e4ter in die Arbeitsgemeinschaft Astronomie in der Schule kam, dachte ich, ich lerne etwas Neues, aber ich wusste alles schon.<\/p>\n<p>Ich habe immer versucht, in gro\u00dfer Freiheit lebensnahe Zug\u00e4nge zur Wissenschaft zu finden, auch weil ich wusste, sobald man anf\u00e4ngt, ein bestimmtes Gebiet als Spezialist zu bearbeiten, wird das schnell zur D\u00fcnnbrettbohrerei. Dies Gef\u00fchl hatte ich auch, als ich in der Psychologie \u00fcber viele Jahre Diplomarbeiten betreute, oft ging es darin um Fragen, die schon ein Jahr sp\u00e4ter niemanden mehr interessierten.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"grossefragen\"><\/a><strong>Was interessiert Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Mich interessieren die gro\u00dfen Fragen. Zum Beispiel: in welchem Zusammenhang steht unsere Gehirnt\u00e4tigkeit, also etwas ganz materielles, mit unserem Bewusstsein? Diese Frage l\u00e4sst mich bis heute nicht los, ich diskutiere sie h\u00e4ufig mit dem Hirnforscher Erwin Josef Speckmann. Unser Bewusstsein, was ist das eigentlich? Ich bin zwar mit der Antwort noch nicht sehr weit gekommen, aber eine Ahnung habe ich schon, inwiefern dem Bewusstsein nicht nur die Rolle eines Epiph\u00e4nomens zukommt, sondern eine notwendige Hauptrolle..<\/p>\n<p>Oder eine andere Frage. Viele sagen, ich will mit Wissenschaft nichts zu tun haben, die erkl\u00e4ren einem alles tot, die erkl\u00e4ren die letzten Geheimnisse weg. Ich sage: nein, es ist genau umgekehrt, man muss herangehen bis zur allerletzten Frage, wo es nicht weitergeht, und dann wird das wirklich spannend und interessant.<\/p>\n<p>Gerade beim Thema Farben ist es so. Was sind denn Farben? Farben sind etwas erlebtes, also ein Teil unseres Bewusstseins. Und wie komme ich ans Bewusstsein heran? Was ist das f\u00fcr eine Entit\u00e4t?<\/p>\n<p>In der Physik hat man die verschiedenen Naturkr\u00e4fte: die elektromagnetische Kraft, die Gravitationskraft, die schwache und die starke Kernkraft. Man versucht, eine Theorie von allem zu formulieren, indem man diese Grundkr\u00e4fte miteinander verbindet.. Was ist denn jetzt mit dem Bewusstsein? Ein Physiker, der beansprucht, die ganze Welt zu erkl\u00e4ren, muss auch Antworten auf die Frage geben k\u00f6nnen, was ist denn im physikalischen Bereich mit dem Bewusstsein? Wo bringt man es unter?<\/p>\n<p>Das Bewusstsein wird ausgeklammert und ausgegrenzt, lange Zeit sogar bei den Psychologen. Skinner hat gesagt, Bewusstsein, das kann ich nicht untersuchen, also behandle ich es, als w\u00e4re es nicht existent. Die amerikanische Psychologie hat bis in die 70er Jahre hinein ben\u00f6tigt, um das Bewusstsein wieder f\u00fcr sich zu entdecken, heute ist es ein Riesenhype in den USA. F\u00fcr uns in Deutschland war es in der Gestaltpsychologie l\u00e4ngst Thema gewesen. In dieser Schule bin ich aufgewachsen.<\/p>\n<p>Was mich hierbei interessiert: was macht das Bewusstsein aus? Man kann es an Schmerz, an Freude, Lust und so weiter festmachen, hierf\u00fcr gibt es keine physikalischen Entsprechungen. Der direkteste Zugang zum Bewusstsein sind f\u00fcr mich aber die Farben. Farben sind f\u00fcr mich der Inbegriff dessen, was wir bewusst erleben, und es l\u00e4sst sich doch physikalisch nicht packen. Das finde ich so faszinierend.<\/p>\n<p>Von der Hirnforschung her gibt es Ans\u00e4tze, wie man dem Ph\u00e4nomen Farbe beikommen k\u00f6nnte. Es gibt vermutlich Gehirnvorg\u00e4nge, die direkt mit dem Erleben von Farben f\u00fcr tun haben. Vielleicht findet man diese, aber: dann hat man immer noch nicht die Qualit\u00e4ten als solche. Das Problem der \u201cQualia\u201d, wie es die Philosophie bezeichnet, das bleibt nach wie vor.<\/p>\n<p>Man braucht gar nicht in die Quantenphysik zu gehen, die kein Mensch versteht, au\u00dfer ein paar Spezialisten, um zu merken: es gibt Grenzen, wo unser Wissen nicht mehr ausreicht und unsere Vorstellungsf\u00e4higkeit v\u00f6llig \u00fcberfordert ist. Solche Grenzen interessieren mich. Diese Grenzen f\u00fchre ich auch gern an, wenn ich erkl\u00e4re, warum ich mich mit Wissenschaft besch\u00e4ftige. Ich versuche Dinge zu erkl\u00e4ren, nicht mit dem Anspruch, alles weg zu erkl\u00e4ren, sondern um die R\u00e4tselhaftigkeit der Welt sichtbar zu machen an den Grenzen, die sich immer deutlicher zeigen. Das wei\u00df die Physik auch, und das wei\u00df auch die Bewusstseinsforschung. Solche Grenzen faszinieren mich.<\/p>\n<p>Ich habe auch gar kein Problem damit, offene Fragen offen zu lassen. Es gibt viele Wissenschaftler, die sagen, man muss eine Antwort finden, man muss einen Artikel mit klaren Antworten beenden, sonst ist es keine Wissenschaft. Ich sagte nein, Wissenschaft ist eine offene Sache, wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass es Fragen gibt, die wir noch nicht oder vielleicht nie beantworten k\u00f6nnen, oder von denen wir \u00fcberhaupt nicht ahnen, dass es sie \u00fcberhaupt gibt.<\/p>\n<p>Ich sehe mich selbst tats\u00e4chlich wie eine Art Schwamm, der versucht, so viel wie m\u00f6glich von der Welt in sich aufzusaugen, zu begreifen, um das Unbegreifliche erahnen zu k\u00f6nnen. Bis an diese Grenze zu gehen, finde ich ungemein spannend. Ich begeistere mich an dem, was man direkt erleben kann, oder was man auch wissen kann, und ich versuche, die Fenster und die T\u00fcren aufzumachen, durch die ich gucken kann, durch die ich gehen kann.<\/p>\n<p>Nach der Quantenphysik gibt es &#8222;Verschr\u00e4nkungen&#8220; \u00fcber gro\u00dfe Distanzen, die offenbar nicht an die Grenzen der Lichtgeschwindigkeit gebunden sind. Mit &#8222;verschr\u00e4nkten Photonen&#8220; wird bei einem PET in der Medizin schon jetzt gearbeitet! Die moderne Technologie arbeitet h\u00f6chst erfolgreich mit einer Physik, die kaum jemand versteht. Das ist verr\u00fcckt! Speckmann und seine Kollegen arbeiten daran, quantenphysikalische Effekte in die Hirntheorie einzuarbeiten. Wer wei\u00df, was da noch m\u00f6glich ist? F\u00fcr mich steckt da noch viel Musik drin, die in der Zukunft noch sehr viel weiter entwickelt werden kann. Wir sollten uns immer auch dar\u00fcber bewusst sein, dass es unbeantwortete und unbeantwortbare Fragen gibt.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><a name=\"freiefarbe\"><\/a><strong>Ich m\u00f6chte noch auf unseren Verein zu sprechen kommen. Sie hatten in der E-Mail angesprochen, dass Sie dem Gedanken \u201cfreieFarbe\u201d mit gemischten Gef\u00fchlen gegen\u00fcber stehen, weil man ja auch Urheberrechte beachten m\u00fcsse, was f\u00fcr Sie als Spieleentwickler durchaus wichtig sei.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, vielleicht k\u00f6nnen Sie noch einmal definieren, in welcher Form und was eigentlich frei werden soll.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Es gibt mehrere Farbkollektionen, f\u00fcr die urheberrechtlicher Schutz reklamiert wird. Pantone, RAL und NCS sind drei Beispiele. Die Hersteller sehen das \u00e4hnlich wie bei Melodien, die ja auch urheberrechtlich relevant sind. Sie d\u00fcrfen diese Farbkollektionen nicht selbst ver\u00f6ffentlichen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dann gibt es den Fall der Farbmarken, wo bestimmte Farben in bestimmten Wirtschaftsbereichen auf einen Hersteller markenrechtlich gesch\u00fctzt und damit dem Gebrauch entzogen werden. Bekannte Beispiele sind Nivea, Milka und UPS. Konkurrierende Hersteller d\u00fcrfen dann keine Produkte in \u00e4hnlichen Farben heraus geben.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Farben sind f\u00fcr uns nichts anderes als in uns stattfindende Erlebnisse, Gedanken und Gef\u00fchle, und diese sollten frei sein. Der Volksmund sagt ja: \u201cDie Gedanken sind frei.\u201d Da l\u00e4uft aus unserer Sicht etwas schief in der Welt, deswegen haben wir den Verein gegr\u00fcndet.<\/strong><\/p>\n<p>(Er bl\u00e4ttert im Pantone-F\u00e4cher.)<\/p>\n<figure id=\"attachment_4658\" aria-describedby=\"caption-attachment-4658\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"size-full wp-image-4658\" src=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel.jpg 1000w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel-300x266.jpg 300w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel-768x680.jpg 768w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel-380x337.jpg 380w, https:\/\/freiefarbe.de\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/kobbert-wuerfel-800x709.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4658\" class=\"wp-caption-text\">Finden Sie das Farbenfeld auf der rechten Seite des W\u00fcrfels, das hier im Bild in der gleichen Farbe gedruckt ist wie das markierte Feld auf der Oberseite. Es ist das Feld in der 3. Reihe, 2. Spalte. Man glaubt es kaum.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was ist an dieser Farbe denn eigentlich gesch\u00fctzt? Das w\u00fcsste ich mal gern, das leuchtet mir nicht ein. Man kann eine bestimmte Pigmentmischung oder ein Verfahren zur Herstellung einer Farbe sch\u00fctzen. Man kann dar\u00fcber diskutieren, ob die Anwendung oder das Rezept zu sch\u00fctzen ist. Was nicht zu sch\u00fctzen ist, ist das Erlebnis, das ich habe. Das \u00e4ndert sich ja schon je nach Beleuchtung. Sehen Sie einmal dieses Beispiel mit dem mehrfarbigen W\u00fcrfel. Da gibt es zwei Fl\u00e4chen in Druckfarben, die objektiv gleich sind, aber ganz verschieden aussehen. Welche Farbe wollen Sie denn jetzt sch\u00fctzen?<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von Herstellung und Pigmentmischung kann man den reinen Spektralverlauf einer Farbe nicht sch\u00fctzen. Alles was in der Natur vorkommt, kann man nicht sch\u00fctzen. Ich kann auch nicht Gedanken sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ein \u00e4hnliches Problem haben wir in der Genforschung. Was soll da nicht alles gesch\u00fctzt werden, das in der Natur l\u00e4ngst existiert? Ich vertrete ganz klar den Standpunkt: das geht nicht.<\/p>\n<div id=\"q\"><\/div>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr dieses Interview, Herr Professor Kobbert.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><small>Die Fragen stellte Holger Everding.<\/small><\/p>\n<h2 id=\"literaturtipp\">Literaturtipp<\/h2>\n<p>Max Kobbert: Das Buch der Farben. wbg Theiss 2019 (2. Aufl.)[:en]\n<h2 id=\"color-people-interview\">Color People Interview<\/h2>\n<h1 id=\"dr-andreas-kraushaar-fogra\">Dr. Andreas Kraushaar, FOGRA<\/h1>\n<figure style=\"width: 158px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"\" src=\"http:\/\/www.dtpstudio.de\/emailings\/kraushaar.png\" width=\"158\" height=\"196\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Dr. Andreas Kraushaar<\/figcaption><\/figure>\n<p id=\"cp-einleitung\"><em>Dr. Andreas Kraushaar (39) ist Leiter der Abteilung Druckvorstufentechnik bei der Forschungsgesellschaft Druck e.V. (FOGRA). Die FOGRA ist eine gemeinn\u00fctzige Institution mit Sitz in M\u00fcnchen, die sich vor allem der Standardisierung und Qualit\u00e4t in Druckprozessen widmet. Neben dem &#8222;Prozesstandard Offset&#8220; (PSO) sind die FOGRA-ICC-Profile in Druckereien bekannt. Aktuell ist z.B. &#8222;FOGRA39&#8220;, mit dem Farbe sinnvoll in CMYK f\u00fcr den Offsetdruck auf gestrichenen Papieren gewandelt werden kann.<\/em><\/p>\n<p id=\"cp-einleitung\"><em>Dr. Kraushaar ist nach seinem Medientechnik-Studium an der TU Ilmenau in die FOGRA eingetreten. Dort hat er parallel sein Promotion an der RWTH Aachen abgeschlossen. Zahlreiche praktische und wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichungen stammen von ihm, und er ist ma\u00dfgeblich an der Umsetzung des Prozessstandards Digitaldruck (PSD) beteiligt. Er bekleidet bereits in jungen Jahren eine einflussreiche Position im Bereich Farbe &#8211; und dies mit gr\u00f6\u00dftem Enthusiasmus.<\/em><\/p>\n<p><em>Kraushaar stammt aus dem Eichsfeld und lebt jetzt in M\u00fcnchen.<\/em><\/p>\n<h2 id=\"cp-interview\"><span id=\"fragen-an-andreas-kraushaar\">Fragen an Andreas Kraushaar<\/span><\/h2>\n<p><strong>Herr Kraushaar, welches ist Ihre Lieblingsfarbe und was verbinden Sie damit?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist bei mir ziemlich profan. Meine Lieblingsfarbe ist Gr\u00fcn. Ich habe mein erstes Auto Kawasakigr\u00fcn-Metallic lackieren lassen. Heute sch\u00e4me ich mich fast daf\u00fcr, aber es war die Zeit, ich fand es sehr attraktiv und finde es immer noch sehr sch\u00f6n. Wenn ich mir heute zum Beispiel Spielsteine aussuchen darf, w\u00e4hle ich Gr\u00fcn. Dies ist ja auch die Farbe der Hoffnung &#8211; ich war fr\u00fcher Messdiener und habe die gr\u00fcnen Messkleider sehr gern getragen.<\/p>\n<p><strong>Wie gelangten Sie zum Thema Farbe?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe in Ilmenau Medientechnik studiert und kam durch Zufall zur Lichttechnik. Dort habe ich Professor Dietrich Gall und dessen Vorlesungen kennen gelernt. Was mich fasziniert hat, ist, dass er als Farbfehlsichtiger einen ganz besonderen Zugang zu Farbe hatte. Er war zum einen fasziniert von Farbe, wollte aber auch die Urteile der andere verstehen und wissenschaftlich falsifizieren. Er versuchte also unsere Aussagen geschickt zu hinterfragen und uns vor H\u00fcrden zu setzen. Das fand ich sehr spannend und interessant. Professor Gall hat auch das wissenschaftliche und das harmonische Wesen der Farbe sehr sch\u00f6n voneinander getrennt. Professor Gall, der heute im Ruhestand, aber immer noch sehr aktiv ist, ist der Grund daf\u00fcr, dass ich mich heute so intensiv mit Farbe besch\u00e4ftige.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"alignright\" title=\"Das kommende FOGRA Symposium\" src=\"http:\/\/www.dtpstudio.de\/emailings\/fogra-cms.jpg\" width=\"150px\" \/><\/p>\n<p><strong>Was ist heute Ihre Aufgabe betreffs Farbe?<\/strong><\/p>\n<p>Im Bereich der Forschungsarbeit der Druckvorstufe der FOGRA habe ich eine gewisse Gestaltungsfreiheit. Das ist ein weiterer Grund, weshalb ich mich dort sehr wohl f\u00fchle. Ich arbeite nicht nur feste Programme ab, sondern kann eigene Schwerpunkte setzen und selbst entscheiden, wohin die Reise geht. Es ist meine Aufgabe, den praktischen Umgang mit Farbe im Druck sehr gut zu beherrschen, damit wir in Seminaren, Pr\u00fcfungen und Symposien den Spagat zur praktischen Nutzung treffen. Wir m\u00fcssen auf der einen Seite die Programme gut kennen, damit wir wissen, wie man es es gut umsetzt, und es auf der anderen Seite die Vorgehensweisen gut kommunizieren. Es ist meine Hauptaufgabe, die praktischen Herausforderungen im Bereich ColorManagement, Bildschirmmessung, Modellierung zu beherrschen und in einfachen Worten f\u00fcr die Zielgruppe aufzubereiten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" id=\"cp-image\" class=\"alignright\" title=\"Das \u00fcbern\u00e4chste FOGRA Symposium\" src=\"http:\/\/www.dtpstudio.de\/emailings\/fogra-ops.jpg\" width=\"150px\" \/><\/p>\n<p><strong>Wohin geht die Reise?<\/strong><\/p>\n<p>Bei der Bildqualit\u00e4t ist Farbe nach wie vor ein sehr wichtiger Aspekt. Farbe im 3D Druck wird ebenfalls ein wichtiges Thema. Bei Farbe und Appearance kommen zur Farbe selbst weitere Aspekte hinzu wie die Textur, der Glanz, die Oberfl\u00e4chenbeschaffenheit und der Blickwinkel.<\/p>\n<figure style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" id=\"cp-image\" title=\"Das Team der FOGRA\" src=\"http:\/\/www.dtpstudio.de\/emailings\/fograteam.jpg\" width=\"222\" height=\"167\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Die FOGRA<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Woran arbeiten Sie momentan?<\/strong><\/p>\n<p>Aktuell arbeite ich am Thema Farbe von Z\u00e4hnen. Das ist nicht nur sehr spannend, sondern auch das dem\u00fctigste Thema, das ich bisher erlebt habe, denn dort hat man neben der Reflexion die Herausforderungen Opaleszenz, Transparenz, Transluzenz, Fluoreszenz. Es ist die K\u00f6nigsdisziplin, ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickeln wird.<\/p>\n<p>Das Thema Farbe ist immer spannend und herausfordernd, auch wenn ich mich &#8222;nur&#8220; auf den Bereich der Farbmetrik, Farberscheinung, Farbdifferenzen konzentriere.<\/p>\n<p><strong>Was fasziniert Sie am Thema?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist die Interdisziplinarit\u00e4t. Wir haben so viele Zug\u00e4nge und so viele Ans\u00e4tze zur Farbe! Farbharmonie, Augenkunde, Farbphysiologie, Farbphysik,.. Man kann als Ingenieur, Physiker, Designer, als Biologe oder Psychologe mit Farbe arbeiten. Mich fasziniert immer wieder die Sch\u00f6nheit der Farbe, und der gleichzeitige technische Blick: wie kann ich die Farbe in der einen oder anderen Weise m\u00f6glichst exakt reproduzieren, wie metamer ist es?<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr dieses Interview, Herr Dr. Kraushaar.<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<p><small>Die Fragen stellte Holger Everding.<\/small><\/p>\n<h2 id=\"weitere-informationen\">Weitere Informationen<\/h2>\n<p>&#8230;finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.fogra.de\">http:\/\/www.fogra.de<\/a>.[:]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"[:de] Colour People Interview \u201cMich interessieren die gro\u00dfen Fragen.\u201d Professor Max Kobbert ist Psychologe und lehrte \u00fcber viele&hellip;\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":1083,"menu_order":1,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_oasis_is_in_workflow":0,"_oasis_original":0,"footnotes":""},"class_list":["post-4637","page","type-page","status-publish"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4637"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4637\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6752,"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/4637\/revisions\/6752"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1083"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/freiefarbe.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}